Die 8 häufigsten Fehler im Umgang mit ängstlichen Pferden.

In den letzten 3-4 Jahren kommen immer mehr Pferde zu mir, die unter Panikattacken leiden, ich spreche hier nicht von ängstlichen Pferden, ich spreche hier von Pferden mit extremer Panik bis hin zu Todesängsten.

Ich frage mich natürlich ob es diese Pferde früher nicht gab, oder ob diese Pferde früher nicht zu mir gefunden haben, doch das ändert nichts an der Tatsache, dass diese Eigenschaft sicher eine der gefährlichsten Eigenschaften am Pferd darstellt. Jeder der schon mal richtig Angst in seinem Leben hatte, weiß, dass in diesem Moment der normale Verstand ausschaltet.

Ein Pferd mit Todesangst wird über und durch alles hindurch gehen um sich aus seiner Sicht in Sicherheit zu bringen. Es wird dabei weder auf sich selbst noch auf Andere achten und bringt dadurch sich selbst und Andere in höchste Gefahr.

Ein respektloses Pferd kann man durch entsprechendes Handeln und Überzeugung relativ schnell respektvoller machen, doch wie ist das mit einem extrem ängstlichen Pferd? Und wo genau beginnt Angst und in welchen Stufen?

Nehmen wir mal folgende Situation, Du reitest gerade in der Reithalle, da kommt ein Stallnachbar mit einer großen Plastikplane in die Halle um diese auszubreiten um mit seinem Pferd zu üben. Die meisten Pferde, die gerade in der Halle geritten werden, während eine große Plastikplane in die Halle gezogen wird, werden eine Reaktion zeigen.

Diese Reaktion geht von neugierigem Ohrenspitzen, über angespanntem Gehen und Schnauben, über schreckhaftem zur Seite springen, abruptem Anhalten und erstarren bis hin zu durchgehen im Galopp oder ähnlichem. Hier lässt sich viel über das Grundnaturell des Pferdes sagen und wenn ich mein zukünftiges Reitpferd begutachte, das ich zu kaufen gedenke, dann ist es womöglich ratsam solche Situationen zu provozieren um Aufschluss über den Mut des Pferdes zu bekommen.(am besten ohne Reiter)

Doch bei diesen wirklich panischen Pferden, ist dieses Beispiel vielleicht schon eine zu große Reizüberflutung und wenn ich zu solchen Pferden gerufen werde, dann schau ich mir an, wie das Pferd reagiert, wenn man zu ihm geht, es auf halftert und z.B. zur Halle führt. Tatsächlich kann man hier schon viel erkennen. Schlurft das Pferd hinter seinem Besitzer her und ist tiefenentspannt? Oder ist es sehr wachsam und reagiert auf jedes Geräusch und jede Bewegung? Springt es weg vor Gefahren oder erstarrt es zur Salzsäule? Manchmal wird Angst mit Respekt verwechselt. Man kann alleine hier schon viel erkennen, wenn man genau hin schaut, denn nur weil das Pferd bei Gefahr ruhig stehen bleibt, heißt das nicht, dass es wirklich ruhig und entspannt ist. Womöglich ist es eher wie bei einer tickenden Zeitbombe, die im nächsten Moment explodiert wenn noch ein weiterer Reiz dazu kommt.

Ich gehe mit dem Pferd, welches mit Knotenhalfter und langem Führseil ausgestattet ist, in einen eingezäunten Bereich und binde an meinen Stick statt dem String eine Plastiktüte und während ich dies tue beobachte ich aus dem Augenwinkel das Pferd. Wie geht es mit dieser Situation um? Ist es schon beunruhigt weil ich die Tüte aus der Jackentasche gezogen habe, oder ist es neugierig oder möchte es schon hier am liebsten weglaufen? Dies gibt mir Aufschluss über die Intensität der Reize mit denen ich beginne nun die Tüte am Stick zu bewegen oder damit auf das Pferd zu zugehen. Dies alles tue ich in diesem Stadium nur vor dem Pferd, noch nicht seitlich, denn wenn es angst hat und davon weg gehen will, wird es wenn der Reiz vorne ist, eher rückwärts gehen und dies ist sicherer für mich.

Ich möchte keinen Extremfall auslösen, sondern nur einen Reiz erzeugen, der leichte Unruhe bis leichte Angst in dem Pferd erzeugt, so, dass es anfängt seine Füße zu bewegen. Dies darf es auch gerne tun, ich blockiere allerdings den Weg nach vorne, d.h. das Pferd darf gerne rückwärts und ggfls. Seitwärts gehen, denn dies wird es keine 2 Stunden tun, vorwärtsgehen schon, wenn es rückwärts geht, geh ich also vorwärts mit ihm und blockiere es nicht, denn irgendwo muss es mit seiner Angst-Energie hin, muss sie in Bewegung umwandeln. Damit ich das Pferd am vorwärtsgehen hindern kann, sollte entsprechend Respekt vorhanden sein und keine Unsicherheit aufkommen, denn ich werde diesen Reiz nun so lange fortsetzen, bis das Pferd etwas verändert.

Also angenommen, die Unruhe beginnt, als ich mit der Tüte von 2m vor dem Pferd beginne auf das Pferd zu zugehen, dann werde ich mich an dieser Stelle zwar nicht mehr nähern, sondern den Stick wieder entfernen um ihn im nächsten Moment wieder anzunähern in einem ruhigen und gleichmäßigen Rhytmus, bis an die heikle Grenze. Dieses Prinzip von Annäherung und Rückzug wiederhole ich ruhig und beharrlich so lange, bis das Pferd alle vier Füße auf dem Boden hat und für einen Moment steht und genau in diesem Moment, genau in dieser Sekunde(nicht 3 Sekunden früher und nicht 3 Sekunden später) beende ich den Reiz und parke die Tüte weit weg vom Pferd, so weit wie es mein Arm mit Stick erlaubt. Ich selbst nehme eine entspannte und neutrale Haltung ein und atme tief und ruhig, womöglich gähne ich sogar übertrieben, diese Haltung übrigens empfiehlt es sich bei dieser Übung die ganze Zeit einzunehmen.

Dabei beobachte ich das Pferd und warte auf Signale, die mir zeigen, dass es los lässt und ins Denken kommt. Woran erkenne ich dies?

In diesem Moment wo das Pferd zum Halten kommt, ist es oft wie in einer Starre, d.h. es blinzelt nicht, der komplette Körper erinnerte an eine Eissäule, alle Körperteile wie erstarrt und es scheint als würde es die Luft anhalten, manchmal stehen die Beine in einer unnatürlichen Haltung und werden nicht entspannt, der Unterkiefer ist fest, die Lippen werden aufeinander gepresst, Kopf und Hals werden hoch getragen und ich beobachte nun und warte auf eines oder mehrere der folgenden Zeichen: Es kann sein, das Pferd fängt wieder an zu blinzeln, die Ohren bewegen sich, es schüttelt den Kopf oder Schweif, es stellt die Gliedmaßen anders hin, es senkt den Kopf und Hals, auch wenn es nur 5mm sind und am besten ist es, wenn es dann anfängt zu kauen und die Lippen zu lecken. Dann ist der Vorgang meist abgeschlossen und ich beginne von vorne.

Wenn ich diesen Vorgang nicht geschehen lasse und gleich wieder weiter mache mit dem Reiz, dann kann es zu einer Explosion kommen. Wenn ich diesen Vorgang des Denkens und Lernens abschließen lasse, dann dauert es beim zweiten Versuch gewöhnlich nicht mehr so lange wie beim ersten Versuch, bis das Pferd den Reiz der Tüte auf der gleichen Entfernung wie vorher aushält und alle Beine zum Stillstand kommen. Und meist geht es jetzt auch schneller mit den Zeichen die das Pferd mir in der Pause sendet.

Es muss einem bewusst sein, dass es bis zu 5 Minuten und länger dauern kann, bis diese Zeichen beim ersten Mal erfolgen und das es ebenfalls 5 Minuten dauern kann, bis das Pferd auch nur den geringsten Reiz auf größter Entfernung einen Moment akzeptieren kann und die Füße still stehen lässt.

Ich wiederhole diesen Vorgang immer wieder und erhöhe den Reiz immer mehr, bis das Pferd zunehmend toleranter wird, zuerst den Reiz aushält, dann akzeptiert und schließlich einfach ruhig und entspannt da steht. Dies kann je nach Schweregrad Minuten, Stunden oder länger dauern und dann ist es noch von Bedeutung, wo ich morgen das Pferd bei dieser Übung abhole, muss ich wieder bei Null anfangen oder beginnen wir sofort mit einer größeren Akzeptanz und Ruhe?

Und tatsächlich werde ich das Pferd hier von Tag zu Tag, von Woche zu Woche, von Monat zu Monat mit immer größeren Reizen konfrontieren und wenn ich alles richtig mache, dann wird das Pferd immer ruhiger mit neuen Reizen umgehen und die Bekannten ruhig und gelassen akzeptieren. Dennoch gibt es natürlich Pferde, die auch mit aller Vorbereitung ihr Leben lang etwas unberechenbarer sein werden als andere und dies liegt oft auch im angeborenen Naturell zugrunde. Diese speziellen Pferde muss ich womöglich immer intensiv am Boden vorbereiten, bevor ich sie z.B. reiten möchte, um böse Überraschungen zu vermeiden, es sei denn ich mag Überraschungen 🙂

Häufige Fehler die im Umgang mit ängstlichen Pferden passieren sind:

  1. Der Reiz wird gleich zu hoch gesetzt und das Pferd überfordert, hier kann es zu gefährlichen Situationen für Mensch und Pferd kommen.
  2. Der Reiz wird beendet, bevor das Pferd etwas verändert hat und die Füße zum Stillstand kommen, dies macht das Pferd noch ängstlicher, denn es wird bestätigt in seiner Annahme, dass Flucht den Reiz weg nimmt.
  3. Die Pause zum Denken und Verstehen ist zu kurz und das Pferd konnte nichts lernen und wird von mal zu mal ängstlicher.
  4. Zu wenige Wiederholungen auf der gleichen Reizebene um das Erreichte zu festigen, ich muss immer wieder bei Null beginnen.
  5. Der Mensch will das Pferd mit Worten und Anfassen beruhigen und bewegt sich in Zeitlupe um das Pferd zu schonen, was dem Pferd noch mehr Angst macht.
  6. Der Mensch hat keine tiefenentspannte Atmung und Körperhaltung
  7. Der Mensch bekommt Angst vor der Angstreaktion des Pferdes und beendet im „falschen“ Moment die Übung, den Reiz.
  8. Das Pferd wird für seine Angst „bestraft“ und bekommt noch mehr Angst.

Da die Arbeit mit einem dieser extrem ängstlichen Pferde mit Todesangst sehr gefährlich sein kann, gehört diese Arbeit in die Hände von Profis oder zumindest unter die Aufsicht eines solchen.

Wenn Du also solch ein Pferd daheim hast, ist es manchmal sicherer und sinnvoller eine/n Trainer/in seines Vertrauens hinzu zu ziehen.

Ich wünsche Dir nun das Bewusstsein, aus Sicht Deines Pferdes die Dinge zu erkennen und die Achtsamkeit und Erkenntnis, die für Dich und Dein Pferd stimmigen Lösungswege zu gehen. Mehr Informationen erhälst Du hier: www.christiane-goebel.de

 Liebe Grüße Christiane Göbel

 

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